Sonntag, 4. Oktober 2009

Was haben die "Runderneuerung" der SPD und kollektive Intelligenz in der Politik miteinander zu tun?

Der Grad der Komplexität der gesellschaftlichen Prozesse und der in unserer gemeinsamen globalen Welt zu lösenden Probleme hat ein Ausmaß erreicht, das die Intelligenz einzelner schlicht überfordert. Noch vor wenigen jahrzehnten gab es politische Figuren wie den "Staatsmann", den "Großen Steuermann" (Bezeichnung für Mao Ze Dong) oder lateinamerikanisch den Caudillo. In der Geschichte der BRD waren das Politiker wie Konrad Adenauer (CDU) oder Willy Brandt (SPD). Doch deren Zeit ist vorbei. Diese Regel gilt auch für so scheinbare Ausnahmen wie Barack Obama. Die Komplexität der politischen Erscheinungswelt zeigt sich spätestens, wenn der charismatische Kandidat als realer Präsident sich Problemen wie dem Gesundheitswesen, dem Klimawandel oder dem Krieg in Afghanistan gegenübersieht.

Doch auch die additive Zusammenfassung ausgewiesener Einzelintelligenzen zu „Expertengremien“ oder – etwas altmodischer – „Weisenräten“ wird der Vielschichtigkeit und Veränderungsgeschwindigkeit von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zunehmend nicht mehr gerecht. Wo etwa war das Expertengremium, das uns vor dem 15. September 2008 vor einer fundamentalen Finanzkrise gewarnt hätte? Hier wurde bereits das Minimalgebot des Entstehens innovativer Lösungen, nämlich die Diversität der Teilnehmenden, nicht berücksichtigt. Schätzungen zufolge sind gut 90 Prozent aller Lehrstühle für Volkswirtschaft von Anhängern wirtschaftsliberaler und monetaristischer Doktrinen besetzt. Diese Experten haben sich praktisch bis zur Lehman-Pleite nur gegenseitig auf die Schulter geklopft. Dissidenz kam kaum vor.

Doch auch von der anderen Seite her entstehen neue Voraussetzungen für die Herausbildung von kollektiver Intelligenz. Mit dem Internet, vor allem aber den unter dem Begriff Web 2.0 bekannt gewordenen interaktiven Social Media steht der Menschheit das erste Mal in ihrer Geschichte ein globales Massenmedium zur Verfügung. Potentiell jeder Erdenbewohner, der einen Zugang hat, kann sich an den unzählichen globalen Diskursen beteiligen. Er kann in Social Communities, via Blogs oder per Twitter in Echtgeschwindigkeit Ideen zu einer Debatte beisteuern. Er kann sich planetenweit beliebig mit anderen vernetzen (Englischkenntnisse vorausgesetzt). Aus meiner Sicht wird die Menschheit durch das Internet überhaupt erst zu einer wirklichen kollektiven Schicksalsgemeinschaft, zu einem kohärenten Akteur. Der entwicklungspolitische Hinweis, der darin steckt, heißt übrigens: Das "Brunnen-Bohren" muss um die Breitband-Verkabelung erweitert werden. Internationale Solidarität ist Wasser, Nahrung, Bildung und Web 2.0 für alle.

Soziale Bewegung nutzen das Netz bereits jetzt zur Mobilisierung. Die Online-Petition gegen das Internetsperregesetz bekam innerhalb von wenigen Tagen mehrere 10.000 Unterstützungsunterschriften Die iranische Regierung musste erleben, dass klassische Zensurmaßnahmen angesichts von Twitter ins Leere laufen. Die chinesische KP hingegen hat Portale wie Youtube bereits aktiv und im eigenen Interesse im Konflikt zwischen Uighuren und Hanchinesen in Xinjiang eingesetzt. Die Piratenpartei wiederum ist wohl die erste Partei, die in und aus den sozialen Medien heraus entstanden ist. Unabhängig davon, ob sie sich auf Dauer festsetzt, offeriert sie die Möglichkeit einer "Partei" von unten. Visionäre Sozialdemokraten sollten sich das gerade jetzt mal genau anschauen, bevor es wieder nur zur "Runderneuerung"per Ordre du Mufti reicht. Web 2.0 ist kein weiteres, bloßes PR-Verlautbarungsorgan. Der Politiker 2.0 ist der Manager einer Community.

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